Designer

Über Skizzen, Stars & Stress im Interview!

Was treibt Karl Lagerfeld (78) an, wie sieht er sich selbst? Wir trafen den Designer in Paris zum exklusiven Interview und sprachen mit ihm über Skizzen, Stars und Stress.

Wir sind in der Rue Cambon, 31. Mitten in Paris, mitten im magischen Kosmos von Chanel, dem man sich trotz gespielter Coolness nicht entziehen kann. In diesem klassizistischem Haus lebte und arbeitete also Gabrielle “Coco” Chanel®. Unten schlendern Touristen vorbei. Viele fotografieren das Schaufenster, einige kaufen in der Boutique.

Wir warten währenddessen in Karl Lagerfelds Studio im Dachgeschoss. Und warten. Nicht ungewöhnlich, doch wir sind von Minute zu Minute nervöser. Es dauert exakt 90 schier endlos lange Minuten, bis die Tür zum Büro aufgeht.

Flankiert von seiner langjährigen Assistentin Virginie Viard steht der mächtigste Mann des Modebusiness in gewohnter „Uniform“ vor uns – gestärkter Kragen, schmaler Blazer und dunkle Jeans, er gestikuliert in fingerlosen Handschuhen mit Dutzenden Logo-Ringen aus dem Hause Chanel®. So schnell er redet, so pointiert fallen seine Antworten.

Herr Lagerfeld, sie sind unglaublich produktiv. Ziehen Sie nie Resümee – über ihr Schaffen, über ihr Leben?

Ich gebe mir größte Mühe alles gleich zu vergessen. Sie wollen, dass ich meine Geschichte und Geheimnisse offenbare? Wie soll ich über ein Leben Resümee ziehen, das ich in diesem Moment munter lebe? Das wäre absurd. Ich kann und will auch gar nicht als Quell der Weisheit gelten. Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst, nicht mehr oder weniger. Aber solche Fragen stelle ich mir nie.

Geben Sie uns zumindest einen Einblick. Selbst jetzt tragen Sie Notizblock und iPad für Zeichnungen mit sich – wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich arbeite für Kollektionen daheim, stets ab dem frühen Morgen. Zuhause, also in diesem Haus hier steht mein Bett, das nicht gerade groß ist [Lagerfeld deutet zunächst, nimmt dann seinen Notizblock und zeichnet einen Stadtplan auf]. Zum Mittagessen gehe ich in mein anderes Stadthaus. In der Nähe davon befindet sich auch mein großes Büro, daneben ist das Fotostudio für die Produktionen. Das hier? Das ist das Gästehaus – ich mag Besuch, aber bitte nicht in meinen eigenen vier Wänden.

Das Lesen, das geschieht jederzeit. Ringsum liegen Bücher, Bücher, Bücher. Ich lese meist gleichzeitig, zehn Zeitschriften und Bücher sind keine Seltenheit. Oberflächlichen Klatsch ebenso wie literarische Klassiker.

Bücher begleiten Sie durchs Leben, oder?

Die ersten richtigen Bücher, wenn Sie so wollen, waren „Krieg & Frieden“ von Tolstoi und die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann. Die habe ich als Kind gelesen, als sehr selbstgefälliges Kind. Wie ich mich damals zu Tode gelangweilt habe. Kindheit, das waren gefühlte hundert Jahre! Aber wegen den Büchern: Mein Verlag 7L bringt nun zwölf gesammelte Bände von Friedrich Nietzsche heraus. Die handgeschriebenen Notizen sind völlig unerwartet bei Aufräumarbeiten aufgetaucht, das muss man doch publizieren. Aber eigentlich mag ich Spinoza lieber.

Wird das jetzt ein Literaturgespräch? Ich bin Modeschöpfer, ich erachte es nicht als nötig, so viel über Bücher zu reden. Es ist einfach eine persönliche Einstellung: Ich will alles wissen, alles sehen. Ich habe mich bereits als Kind zurückgezogen und intensiv gelesen, Dutzende Skizzen angefertigt.

Apropos Skizzen. Zeichnen Sie noch alles von Hand?

Digitale Skizzen sind furchtbar, die sehen alle gleich aus. Null Persönlichkeit, nur Photoshop. Ich habe zum Glück meine eigene Technik entdeckt. [Lagerfeld nimmt seinen iPad, beginnt zu skizzieren] Sehen Sie? Hier kann ich mit dem Fingernagel eine Linie führen, dann eine noch hier und damit ändere ich die Farbe. Wenn man es richtig macht, graviert sich diese Skizze förmlich ein. Aber solche Geräte bedeuten mir letztlich nichts.. Ich habe in jedem Zimmer einen iPad herumliegen. Kennen Sie eigentlich die Fotos, die ich von Lady Gaga in Männerkleidung gemacht habe?

Sie haben Lady Gaga öfters getroffen, sogar ihre Chanel®-Einkaufstüte skizziert. Sind Sie ein Fan?

Das hat mehr mit ihrer Person als Musik zu tun. Ich sehe eine kluge, wohlerzogene und talentierte Frau, die genauso gut Konzertpianistin sein könnte. Übrigens diese erwähnte Skizze… Sie hat ein Foto davon online gestellt – und 53 Millionen haben es angeklickt! Lady Gaga geht ihren Weg, ist keiner dieser Möchtegern-Promis. Es gibt mittlerweile viele Leute, die völlig unverdient im Rampenlicht stehen und im Gegenzug gibt es viele verkannte Talente. Aber ein Garant für ein aufregendes Leben ist Berühmtheit keineswegs – es gibt überall Langweiler.

Langeweile kennen Sie nicht. Aber Sie arbeiten seit Jahrzehnten für Chanel®, für Fendi und natürlich ihre eigenen Labels. Vermischt sich der Stil nicht irgendwann?

Warum sollte das passieren? Jede Kollektion ist für mich völlig losgelöst von der anderen, Sie werden keine Gemeinsamkeiten finden. Was vorbei ist vorbei. Meinetwegen habe ich beim Entwerfen keine oder eben drei Persönlichkeiten, das überlasse ich Ihnen. Andere Designer mögen nicht schlecht sein, aber sie haben nie diese Bildsprache zustande gebracht. Rezept für den Erfolg? Habe ich keines, es hat alles mit Disziplin zu tun.

Disziplin ist ein sehr gutes Stichwort: Sie haben 2000 in knapp einem Jahr stolze 42 Kilogramm abgenommen, einen Bestseller darüber geschrieben und seither ihr neues Gewicht gehalten.

Ich habe die Diät gemacht und mein Doktor [Jean-Claude Houdret, Anm. d. Red.] damit das Geld. Wir haben gut eine Million Exemplare von “Die 3 D-Diät” verkauft. Rückblickend war die Diät die beste Entscheidung meines Lebens – gut, gesund und völlig mühelos.

Mühelos?

Ja, ich kenne keinerlei Schwäche. Ich mag nur das, was ich mir erlaube zu mögen. Ich verzichte seit meiner Diät vollständig auf Zucker, Käse, Brot… Versuchung? Das Wort existiert nicht für mich. Sie könnten jetzt im Studio tausende Speisen auffahren, ich nehme diese schlichtweg nicht wahr. Es ist für mich so, als ob die Sachen aus Plastik bestehen, ungenießbar sind. Dieses Essen in den Mund zu nehmen, übersteigt schlichtweg meine Vorstellung. Vergleichen Sie mich ruhig mit Tieren in der Wildnis – die nehmen nichts zu sich, was sie nicht dürfen. Die Diät verfolge ich mit Ernsthaftigkeit, aber davon abgesehen nehme ich mich nicht zu ernst.

Tatsächlich? Andere nehmen Sie sehr ernst. Ihre Kommentare werden ebenso geliebt wie gefürchtet. Nie Angst, bei jemanden anzuecken?

Heute diskutieren alle über Tabus und Gewissen. Das hat doch nichts mit der freien französischen Geisteshaltung zu tun. Diese Auffassung von Political Correctness ist nur langweilig und blasiert. Wenn mir jemand erklärt, dass er sich stark für humanitäre Hilfsprojekte einsetzt, dann entgegne ich: ‘Achso, haben Sie etwas gegen Tiere?’

Ich möchte Folgendes betonen – dass diese Arbeit gemacht wird, ist wichtig und richtig. Steht für eure Prinzipien ein, unterstützt Projekte, aber redet doch nicht ständig davon!

Sie reden im Gegenzug nur ungern über Ihr Arbeitspensum. Gerade die Shows für den Sommer 2012, schon folgen neue Kollektionen…

.
Schreiben Sie bloß nicht, dass ich hart arbeite! Niemand wird dazu gezwungen – wenn’s zu viel wird, lass’ es eben bleiben. Ganz einfach. Ich habe eine einzige Regel: Fange niemals etwas halbherzig an und höre dann mittendrin auf. Das kam und kommt für mich nicht in Frage. Schauen Sie sich doch nur mal bei Chanel® um – tausende Menschen sind von einer Entscheidung abhängig.

Mode wird geliebt, also auch die Maschinerie, die Macht und das Geld dahinter. Als Modeschöpfer wirst du gleichzeitig zum Künstler stilisiert. Sensibel, schwach – das kannst du dir nicht leisten! Menschen kaufen Kleider, um glücklich zu sein und nicht um Mitleid zu bekunden.

Je mehr Mühen, desto lohnenswerter ist es für mich. Nur Außenstehende halten mein Leben für extravagant, ich bin nämlich sehr geerdet. Und diese Erde schöner zu machen – das ist nun mal meine selbst erlegte Aufgabe.

::::::::::::::::::::

Das Interview führte Susannah Frankel von “The Independent | The Interview People” für We-love-Brands.com.

“Was macht eigentlich Karl?” Lest hier, welche aktuellen Projekte Karl Lagerfeld verfolgt

Bilder via Covermedia, Vivy Garbelini
(c) The Interview People

Tags: Interviews, Karl Lagerfeld,

0 Kommentare

Bitte einen Kommentar hinterlassen